PEGIDA  UND   DIE   GESCHICHTE  DER  ABDERITEN (02.2016)

"Ich hatte so viel mit Betrachtung des Natürlichen zu tun, dass ich fürs Wunderbare keine Zeit übrig behielt." Diese Formulierung stammt aus Wielands "Die Geschichte der Abderiten" und wird im ersten Abschnitt des Buches von der historischen Figur des Democrit gesprochen. Einst in die Welt hinausgezogen, um diese mit eigenen Sinnen zu erfahren, erscheint er nach zehn Jahren wieder in seiner Heimatprovinz, wo er sich den unverändert kindlichen Gemütern seiner abderitischen Mitbürger gegenübersieht. Welche Lesart dieser Roman in Bezug auf die Kultur einer Gesellschaft ermöglicht, lässt sich in Wielands "Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva" auf den Einzelnen beziehen. Die dort verhandelte Fantasie, die sich auf dem Fantastischen begründet, ist exemplarisch für jenes Denken, das die Menschen auch hierzulande zu abstrusen Handlungen verleitet. Ein Beispiel sind die zahlreichen Brandanschläge auf geplante Flüchtlingsunterkünfte, wo diejenigen zu konkreten Gewalttätern werden, die der abstrakten Angst vor Übergriffen durch ihnen fremde Menschen erliegen. Hier wird billigend der Tod von Menschen in Kauf genommen, die erst einmal nur fremd sind, also unbekannt, und somit lediglich als Idee in den Köpfen derer existieren, die hier ganz konkret zu Tätern werden.
       Nun mag man sich über das Vorangegangene schon empört haben und dagegen halten, dass mit der Silvesternacht 2015/2016 in Köln all die existierenden Ressentiments gegen Zuwanderer bestätigt wurden. In der Tat sind hier von vermeintlich Schutzbefohlenen Dinge verübt worden, die als Raub und sexuelle Übergriffe ganz klar zu verurteilen sind. Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen der Abderiten unserer Tage. Im Unterschied dazu liegt aber der Diskurs, der von etablierten demokratischen Parteien und einem Teil der Zivilgesellschaft geführt wird, darin, dass dort variierende Handlungsoptionen ersonnen werden, die den jeweils bewiesenen Tatsachen in vernünftigem Umfang gerecht zu werden suchen. – Der Don Sylvio beispielsweise, der genauso gut ein Abderit von feinster Machart hätte sein können, verharrt konsequent in seiner esoterischen Fehlurteilexistenz, und zwar ganz gleich, was um ihn herum tatsächlich geschieht. Dem entgegen steht eben jene engagierte Zivilgesellschaft, die immer wieder dort konstruktiv und analytisch reagiert, wo auch die abderitischen Gemüter jene kompetenten Quellen, aus denen mannigfach zu schöpfen wäre, z.B. als Lügenpresse ablehnen. (Man denke nur an die Begegnungen der Abderiten mit Hippokrates und Euripides.)
       Die Verhärtung von Fiktionen zu vermeintlichen Tatsachen führt zu nichts anderem als zu blinden Handlungen und dem fortlaufenden Deuteln der eigenen Ängste. Nichts anderes können abderitische Gedanken hervorbringen, da diese auf Betrachtungen in einem breiteren Zusammenhang verzichten. Menschen, die sich eines solch eingeschränkten Denkens bedienen, lehnen damit all unsere Kulturtechniken ab, die zur Bewältigung aktueller Krisen geeignet sind. Weder sind die Abderiten unserer Tage von einer Religion, noch von der Kunst, geschweige denn von wissenschaftlichen Erkenntnissen in irgendeiner Weise schöpferisch inspiriert. Sie propagieren stattdessen genau solch einfache Wahrheiten, die bereits Anwendung in jenen Staaten finden, aus denen die Menschen massenhaft fliehen – fliehen deshalb, weil sich dort Attentäter inmitten von Marktbesuchern und Schulkindern in die Luft sprengen. Letztgenanntes ist zweifellos ein absurdes Handeln, aber die Täter machen es dennoch, weil sie wissenschaftliche (Meinungs)bildung, Kunst und schließlich auch die Errungenschaften ihrer eigenen Religion als Organe der Zuständigkeit ablehnen, wenn es darum geht, das eigene Vorhaben zu beurteilen. Die abstrusen Handlungen, die aus einer solch einfältigen Denkart erwachsen, zeigen sich auch daran, dass hierzulande bereits Handgranaten auf voll besetzte Flüchtlingsunterkünfte geworfen werden. Bei all diesen radikalen Gewalttaten werden (wenn überhaupt) Gründe angeführt, die eben vielmehr einer selbst gemachten Idealvorstellung entsprechen als einer wirklich faktenbasierten und dialektischen Argumentation, welche das Denken schrittweise zu Handlungen führt, die unserer eigenen kulturellen Prägung entsprechen.
       An einer weltfremden Idealvorstellung ist mitunter schon Platon gescheitert, worauf dieser allerdings von der Utopie seiner Philosophenherrschaft in der Politeia abgerückt ist, um dann zugunsten der Nomoi auf eben jene Regelungen zu kommen, die auch heute noch das gesellschaftliche Zusammenleben bestimmen: Gesetze. – Platon, liebe Abderiten, war Athener. Und auf eben diesen Verdiensten beruht unsere Gesellschaft, die zudem in der Aufklärung all das entwickelt hat, was auch heute noch mit deutschem und europäischem Geist in Verbindung steht. Das ist die Kultur des Abendlands, der man einen Dienst dadurch erweist, dass man sie nicht blind gegen vermeintliche Feinde verteidigt, sondern ihre Errungenschaften lebt.
       Dieses kulturelle Leben ist es, was wir dem demagogischen Denken im In- und Ausland entgegenzusetzen haben. Eine Besinnung auf die Inhalte unserer Kultur und die lebendige Auseinandersetzung mit denselben lassen sich am ehesten in Bibliotheken, Theatern, Literatur- und Opernhäusern erfahren, was die kulturpolitischen Entscheidungsträger gleichsam mit in die Verantwortung nimmt.

J.-C. P. 02.2016

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