GESCHICHTSSCHREIBUNG & DEKONSTRUKTION  (08.2017)
Jacques Derrida und der Fall Paul de Man – eine Betrachtung


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Our wills and fates do so contrary run
That our devices still are overthrown,
Our thoughts are ours, their ends none of our own
[Shakespeare, Hamlet, Akt 3, Szene 2]


Jacques Derrida bevorzugte einen Begriff von Zukunft, der jenseits des Planbaren liegt. Im Gegensatz zu "le futur" bezeichnete er mit "l'avenir" (das Kommende) solche Ereignisse, die ohne eigenes Zutun eintreten. L'avernir' meint also etwas Unvorhergesehenes, das plötzlich hereinbricht.
       In diesem Sinne geschah es, dass Derrida, der algerische Jude, nach dem Tod seines philosophischen Wegbegleiters und Freundes Paul de Man mit tendenziös antisemitischen Artikeln konfrontiert wurde, die dieser zwischen 1940 und 1942 während der deutschen Besatzung in Belgien verfasst hatte. Derrida schildert in seinem Buch "Wie Meeresrauschen auf dem Grund einer Muschel"1 den Umgang mit dieser Entdeckung. Für Derrida tritt nun ein nicht aufzulösender Zwiespalt in den Vordergrund: ein Zwiespalt, der darin besteht, eine geliebte Person, die verstorben ist, und die sich folglich auch nicht mehr erklären kann, gleichzeitig schützen und anklagen zu müssen. – Später soll uns die Frage beschäftigen, inwieweit Derridas Philosophie der Dekonstruktion und seine Begrifflichkeit der "differance" nicht nur ihm selbst, sondern überhaupt Strategien eröffnen, einen solchen Spagat zu meistern. Zunächst aber stehen seine unmittelbaren Gedanken im Vordergrund. Derrida stellt sich nämlich zunächst die Frage nach Verantwortung. Das ist das erste, was er tut: Er stellt sich die Frage nach der Verantwortung, die nun für ihn mit einem solchen Erbe einhergeht. – ! – Dieses Übernehmen von Verantwortung ist der Umgang, der alles Kommende zu einen Gegenstand des Planbaren zu machen sucht, und zwar um einer Zukunft Willen, die als Antizipation einer besseren Gegenwart gedacht wird. Das ist auch der Grund, warum Geschichtsschreibung eine philosophische Angelegenheit ist, die eben nicht allein auf den Fakten der Vergangenheit beruht, sondern gleichsam von der Zukunft her gedacht werden muss, um dem plötzlich Kommenden im Hier und Jetzt den Boden zu entziehen.

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01   Jacques Derrida; Wie Meeresrauschen auf dem Grund einer Muschel – Paul de Mans Krieg II – Memoires II; Passagen Verlag GmbH; Wien; 1988 // Originalausgabe: Jacques Derrida; Comme le bruit de la mer au fond d'un coquillage; Édition Galilée; Paris; 1988