ERINNERUNGSKULTUR – GEDENKEN, WIE ES WIRKLICH WAR
SCHLESWIG-HOLSTEIN, NORDFRIESLAND, HUSUM & DIE NS-ZEIT  (10.2016)

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Schon der Reichstagswahlkampf 1919/20 war von populistischer Deutschtümelei und Nationalismus geprägt. Blut-und-Boden-Ideologie, völkisches und antisemitisches Gedankengut sowie der Ruf nach einem Führer – all das war den Schleswig-Holsteinern bereits von der Landvolkbewegung, von "vaterländischen" Vereinen und "nationalen" Kampfverbänden her bekannt.1
       Spätestens ab dem Jahr 1924 galt die Deutschnationale Volkspartei als Wegbereiter der NSDAP. Sie war antidemokratisch eingestellt und die einzige der bis dato reichsweit bedeutenden Parteien mit festgeschriebener antisemitischer Programmatik.2 Bei der Reichstagswahl am 04.05.1924 erreichte die DNVP insgesamt 19,5 % der Stimmen.3 Innerhalb von Schleswig-Holstein stimmten 31 % der Wähler für die DNVP. Übertragen auf das Reich hätte dieses Wahlverhalten die Deutschnationalen zur stärksten Kraft gemacht. Im Wahlkreis Husum stimmten 54,3 % für die antisemitische und antidemokratische DNVP4 – die absolute Mehrheit.
       Aufgrund dieser Vorprägung konnte sich die NSDAP in Husum-Eiderstedt bereits im Jahr 1929 etablieren, ein Jahr früher als im Rest des Reichs,5 und zwar auf Kosten der DNVP, die schlagartig in der Bedeutungslosigkeit versank. Gegen Ende des Jahres 1931 gab es prozentual zur Restbevölkerung gesehen nirgendwo so viele NSDAP-Mitgliedschaften wie in Schleswig-Holstein.6
       Bei der letzten freien Reichstagswahl am 06.11.1932 kam die NSDAP reichsweit auf einen Stimmanteil von 33,1 %.7 Der Wahlkreis Husum stimmte mit satten 63,2 %. Südlich von Husum im Kreis Eiderstedt waren es 56,9 %. Nördlich von Husum im Kreis Südtondern waren es 68,2 %.8 Das sind auf Kreisebene die höchsten Wahlerfolge der NSDAP nicht nur in Schleswig-Holstein (45,7 %), sondern mitunter im gesamten Deutschen Reich.9 – An diesem 06.11.1932 lag die Wahlbeteiligung im Kreis Husum bei 85,6 %.10 Jeder zweite Wahlberechtigte hat die NSDAP gewählt.
       Bei der Reichstagswahl am 05.03.1933 (nach Hitlers Machtergreifung) konnte die NSDAP noch weiter zulegen. 68,5 % der Wähler aus dem Kreis Husum stimmten für die NSDAP. Im Kreis Eiderstedt waren es 63,2 %. Im Kreis Südtondern waren es 73,5 %. Schleswig-Holstein als Ganzes sprach sich dabei "lediglich" mit 53,3 % der Wähler für die NSDAP aus.11 Reichsweit kam die NSDAP sogar "nur" auf 43,9 % der Stimmanteile.12
       Kaum etwas wurde im ländlichen Schleswig-Holstein so begrüßt wie der Nationalsozialismus. Allein diese Zahlen weisen den Schleswig-Holsteinern eine besondere Rolle bei der Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit zu. Das umfasst auch ein sich mitteilendes Bewusstsein über den selbst gewählten Kurs, der letztlich zum Holocaust und zur Weltkriegskatastrophe geführt hat. Mitunter liest sich der Hauptgrund für den damaligen Zulauf nach rechts, nämlich die Angst des Mittelstands vor dem sozialen Abstieg,13 wie eine Beschreibung aus der Gegenwart, was noch einmal die Notwendigkeit unterstreicht, dem Vergessen und Verdrängen in Schleswig-Holstein eine lebendige Erinnerungskultur entgegenzusetzen.

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01   Thomas Steensen, Geschichte Nordfrieslands von 1918 bis in die Gegenwart, Seite 61, Nordfriisk Instituut, Bredstedt, 2006. [Diese Publikation wird im Folgenden mit "Steensen" bezeichnet.]

02   Christian M. Sörensen, Politische Entwicklung und Aufstieg der NSDAP in den Kreisen Husum und Eiderstedt 1918-1933, Seite 91; Wachholtz Verlag, Neumünster, 1995 [Diese Publikation wird im Folgenden mit "Sörensen" bezeichnet.]

03   Sörensen, Seite 518 und 519

04   Steensen, Seite 44, 45

05   Sörensen, Seite 32, 33

06   Sörensen, Seite 386 ff.

07   Sörensen, Seite 518 und 519

08   Steensen, Seite 44, 45

09   Steensen, Seite 60

10   Sörensen, Seite 445

11   Steensen, Seite 44 und 45

12   Sörensen, Seite 518 und 519

13   Sörensen, Seite 485