Geschichtsrevisionismus an der East Side Gallery

Geschichtsrevisionismus an der East Side Gallery

Wer sich in der deutschen Gedenkkultur engagiert, trägt besondere Verantwortung. Kani Alavi, Vorsitzender von East Side Gallery e. V. erscheint vor internationalen Presse- und  Staatsvertretern als Vater der ESG. Doch deren Gründer ist ein anderer: Dave Monty.

Vater und Namensgeber der Berliner East Side Gallery ist der westdeutsche Künstler Dave Monty. Unterstützt wurde er bei seinem Vorhaben, die größte Freiluftgalerie der Welt zu schaffen, von der Westberliner Künstlerin Heike Stephan. Monty führte die notwendigen Verhandlungen mit dem zuständigen DDR-Ministerium für Nationale Verteidigung (MfNV). Schließlich erhielt er die Genehmigung, die Ostseite der Berliner Mauer durch Künstler bemalen zu lassen. Noch im Jahr 1989 begann der in Berlin lebende Inder Dr. Narendra Kumar Jain damit, das erste Bild zu schaffen. Auf Montys Presseinitiative im Dezember 1989 wurden Künstlerinnen und Künstler, aber auch die Künstlerverbände in Ost und West mobilisiert.

Heike Stephan schied derweil aus dem Projekt aus. Dave Monty engagierte die gebürtige Schottin Christine MacLean als Koordinatorin. Am 16. Februar 1990 kam es zu Treffen mit den Künstlerverbänden in Ost- und Westberlin. Monty bestand darauf, die East Side Gallery durch westliche (amerikanische) Konzerne finanzieren zu lassen. Die Firmen sollten Werbeflächen an der Mauer erhalten. Insbesondere für den ostdeutschen Künstlerverband war eine derartige Kommerzialisierung untragbar. Damit drohte das erste deutsch-deutsche Kunstprojekt zu scheitern. Tatsächlich kam es im April 1990 zum Bruch. Dave Monty, der auch weiterhin Werbung an der Mauer anbringen wollte, musste das Projekt verlassen.

In dieser Zeit trat die Werbe- und Veranstaltungsagentur GmbH (WUVA) von Rainer Uhlmann auf den Plan. Die WUVA besaß die Genehmigung, das gesamte Mauerstück, das für die East Side Gallery vorgesehen war, als Werbefläche zu vermarkten; denn aufgrund der politischen Wende hatten sich die behördlichen Zuständigkeiten geändert. Verantwortlich für den Grenzstreifen, auf dem die Mauergalerie entstehen sollte, war nun nicht mehr das Ministerium für Nationale Verteidigung der DDR, mit dem Monty erfolgreich verhandelt hatte, sondern der damalige Bezirk Friedrichshain. Mit dem Bezirksamt hatte die WUVA einen gültigen Vertrag geschlossen.

Christine MacLean überzeugte die WUVA derweil, das Projekt East Side Gallery fortzusetzen. Sie wurde von der Firma als Projektkoordinatorin eingestellt. Die ursprünglich 118 Künstlerinnen und Künstler bekamen auch von der WUVA kein Honorar. Die Werbeagentur produzierte allerdings Fanartikel wie Postkarten, T-Shirts und Tassen, die vor Ort in dem ehemaligen Grenzhäuschen an Touristen verkauft wurden. An der Vermarktung wurden die Künstlerinnen und Künstler ebenfalls nicht beteiligt, obwohl sie sämtliche Verwertungsrechte für fünf Jahre an die WUVA abzugeben hatten.

Unter den Kunstschaffenden, die dem Ruf an die Mauer gefolgt waren, befand sich auch Kani Alavi. Als 1995 der Vertrag zwischen den KünstlerInnen und der WUVA auslief, organisierte sich ein Teil der Kreativen im eigens gegründeten Verein East Side Gallery e. V. Hier wollte man für den Erhalt der Bilder sorgen. Seit der Vereinsgründung im Jahr 1996 ist Kani Alavi der 1. Vorsitzende. Seitdem hat er zum Erhalt der East Side Gallery maßgeblich beigetragen. Dazu gehören Restaurierungs- und Geldsammelaktionen, Öffentlichkeitsarbeit, Proteste gegen Teilabrisse und ein kämpferisches Eintreten dafür, die East Side Gallery zu bewahren.

Gründer und Namensgeber der East Side Gallery ist allerdings Dave Monty. Dennoch liebäugelt Kani Alavi mit der Vaterrolle: „Die East Side Gallery ist ein Kind, das ich noch nicht geschafft habe, großzuziehen“, sagt Alavi in seinem Berliner Atelier. Auf Nachfrage zur Rolle Dave Montys beginnt er, zu relativieren: „Viele Leute“, sagt er, „hatten die Idee.“ Bestenfalls lässt Alavi die Geschichte um die East Side Gallery noch mit Christine MacLean und Rainer Uhlmann beginnen.

Kani Alavi verschweigt ein Stück deutsch-deutsche Geschichte und inszeniert sich als Hauptfigur in seinem eigenen Gründungsmythos.

Im September 2019 berichtete der Co-Vorsitzende des Deutsch-Koreanischen Forums von einer Führung an der East Side Gallery mit Kani Alavi. Anwesend war auch die südkoreanische Premierministerin a. D. Myeong-sook Han. Sie unterstützt Kani Alavis Vorhaben, an der Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea ein ähnliches Galerieprojekt aufzubauen. Dazu sollen auch Künstlerinnen und Künstler aus Nordkorea eingeladen werden, um die Trennung beider Länder künstlerisch zu überwinden. Im Bericht des Deutsch-Koreanischen Forums wird Kani Alavi als Gründer der East Side Gallery vorgestellt – eine Falschaussage, die dem südkoreanischen Mauerprojekt den Anschein ungebrochener Originalität verleiht.

Kani Alavi spricht nicht nur mit Staats-, sondern auch mit Pressevertretern im In- und Ausland. Im Oktober 2019 nahm er beispielsweise an einem dreiwöchigen Austauschprogramm der RIAS Berlin Commission teil. Alavi reiste in die USA, wo er sich mit Medienvertretern von CNN, NBC, Bloomberg und Reuters traf. Ein von ihm selbst verfasster Erfahrungsbericht, der von der RIAS Berlin Commission veröffentlicht wurde, gibt darüber Auskunft. Der Text ist betitelt mit: „Kani Alavi, Künstler, Initiator der East Side Gallery, Berlin.“ Im Umfeld dessen berichtete auch CNN von Kani Alavi als dem Gründer der East Side Gallery. Ähnliche Überschriften und Einleitungen finden sich über Jahre hinweg in Regionalzeitungen wie der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (2012), im überregionalen Wochenblatt die Zeit (2013), aber auch in Radiobeiträgen wie bei KBS World Radio (2015).

Dem gegenüber steht die Stiftung Berliner Mauer, die sich seit Mai 2018 für die East Side Gallery verantwortlich zeigt. Hier hegt man den Anspruch, die historische Wahrheit in Verantwortung für die deutsch-deutsche Geschichte zu vermitteln: Der Gründer der East Side Gallery ist Dave Monty.

Jan-Christian Petersen (12.09.2020)

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Eine Auswertung der öffentlich zugänglichen Zeitzeugeninterviews des Journalisten Ralf Gründer haben zu diesem Artikel beigetragen. Die Interviews sind publiziert in Ralf Gründer, https://www.berliner-mauer.de/kunst/east-side-gallery

Die Fotos entstammen Flickr.com und werden als Creative Commons angeboten. Die Urheber der Fotos sind: Henk-Jan Van Der Klis (Bild 1 und Bild 2), Lizenz: CC-BY-NC-ND 2.0; Paul VanDerWerf (Bild 3), Lizenz: CC BY 2.0; Tony Evans (Bild 4), Lizenz: CC-BY-NC-ND 2.0; Richard Mortel (Bild 5), Lizenz: CC-BY 2.0

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