Einer der letzten Zeugen – Ivar Buterfas-Frankenthal

Ivar Buterfas-Frankenthal (*1933) überlebte den Holocaust. Der Hamburger wurde als Sohn eines jüdischen Vaters geboren. Jahrzehnte nachdem alliierte Bomber im Juli 1943 begangen, Hamburg zu zerstören, setzte er sich mit einem Förderverein für das Mahnmal Sankt Nikolai ein.

Ivar Buterfas-Frankenthal am 5. Juli 2023 als Gast in der Husumer Theodor Storm Schule (Foto: Jan-Christian Petersen)

Erinnerungen. Davon hat Ivar Buterfas-Frankenthal viele. Manchmal sind sie traumatisch. „Ich habe mich nie rächen wollen“, sagt der 90-Jährige, der 1933 in Hamburg geboren wurde. Seine Mutter war Christin. Der Vater war Jude. In der ersten Klasse wurde er vom Rektor auf den Schulhof zitiert und als „Judenbengel“ mithilfe der Schüler vom Hof gejagt. Später versuchten die von der NS-Ideologie aufgehetzten Kinder den 6-Jährigen anzuzünden. Noch heute habe er davon Albträume. „Ich erinnere mich aber auch an glückliche Momente. Da ist mein älterer Bruder Frank, der mich im Untergrund unterrichtet hat. Da ist auch die Erinnerung an meine Mutter, wie sie mir übers Haar streicht.“

Angesichts neuer rechter Parteien und Angriffen auf Asylsuchende hat Buterfas-Frankenthal nie aufgehört, zu mahnen: „Heute sind wir alle verantwortlich. Geht wählen und macht das Kreuz an der richtigen Stelle. Deutschland ist heute ein wunderbares Land. Lassen wir es uns nicht nehmen.“

19 Jahre staatenlos

Unrecht widerfuhr Buterfas-Frankenthal auch lange nach Ende des Holocaust. Die Staatsangehörigkeit war auch ihm entzogen worden, nachdem die Nazis auf der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 den systematischen Völkermord an den Juden vorangetrieben hatten. Zwar bemühte sich Buterfas-Frankenthal bereits 1946 um Wiedereingliederung. Doch erst 1961 wurde ihm die deutsche Staatsangehörigkeit von der Bundesrepublik zuerkannt. „2002 hat der damalige Beamte bei mir angerufen, um sich zu entschuldigen“, erinnert sich Buterfas-Frankenthal, „ich habe die Entschuldigung nicht angenommen.“

Ivar Buterfas-Frankenthal mit seiner Frau Dagmar. Sie zeigt den Fremdenpass ihres Mannes, ausgestellt von der Bundesrepublik Deutschland. Erst 16 Jahre nach Kriegsende bekam er seine deutsche Staatsangehörigkeit zurück.

Förderer des Mahnmal Sankt Nikolai

Im Juli 1943 wurde Hamburg von alliierten Bombern während ihrer Operation Gomorrha in Schutt und Asche gelegt. „Der Kirchturm von St. Nikolai diente den Piloten als Orientierungspunkt“, erklärt Buterfas-Frankenthal. 1987 gründete er mit anderen Hamburger Bürgern den Verein „Rettet St. Nikolai“. Heute ist die Turmruine Hamburgs zentrale Gedenkstätte gegen den Krieg.

Das Mahnmal St. Nikolai in Hamburg, 2008. Es ist Museum, Gedenk- und Begegnungstätte. [Foto von Flickr/fiat.luxury, (CC BY-ND 2.0)]

Bis heute engagiert sich Buterfas-Frankenthal zusammen mit seiner Frau für das Erinnern. Seit 67 Jahren sind die beiden verheiratet. „Alles, was ich heute bin, verdanke ich ihr“, sagt der 90-Jährige. Seit Jahrzehnten erinnert das Ehepaar wie viele andere Zeitzeugen an die Verbrechen des Nationalsozialismus. „Doch wir Zeitzeugen werden weniger.“

Dagmar Buterfas-Frankenthal hält ein Bild hoch. Hier hat ein Schüler gemalt, wie sich Ivar Buterfas-Frankenthal als 6-Jähriger hatte fühlen müssen, als er von seinen älteren Mitschülern angegriffen wurde.

„So schön, wie wir es heute haben, wird es nie wieder“, erklärt Buterfas-Frankenthal im Rückblick. Es lohnt sich, dass wir das, was wir haben, erhalten. Wir sind alle verantwortlich.“

(jcp)