Kulturgespräch „Facetten des Erinnerns“ mit Prof. Dr. Isabella von Treskow

Kulturgespräch mit Prof. Dr. Isabella von Treskow zum Gedenktag 8. Mai 2026
Kulturgespräch mit Prof. Dr. Isabella von Treskow zum Gedenktag 8. Mai 2026

Isabella von Treskow ist Professorin für Französische und Italienische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg. Zusammen mit WissenschaftlerInnen aus Westeuropa und dem Maghreb hat sie das Buch „8 mai 1945“ (fr.) im Verlag Donata Kinzelbach herausgegeben. Das Werk zeigt die Umwälzungen, die Kolonialismus und Kriegsende in Nordafrika ausgelöst haben, und konzentriert sich dabei auf die algerische, marokkanische und tunesische Literatur.

Vorwort

Sie lesen eine für die Lesbarkeit bearbeitete und inhaltlich ergänzte Zusammenfassung von einem relevanten Teil des Kulturgesprächs, das am 13. Mai 2026 online stattgefunden hat. Der Dichter und Journalist Jan-Christian Petersen führte das Gespräch im Rahmen einer schleswig-holsteinweiten Veranstaltungsreihe des Initiativkreises Gedenktag 8. Mai.

Unterstützer gesucht!

Inhalt

Der 8. Mai in Deutschland; Europa, Frankreich und der Maghreb am 8. Mai; Das Massaker von Sétif; Die Judenverfolgung reichte bis nach Tunesien; Maghrebinische Literatur zum 8. Mai; Neue Materialien für Lehrkräfte und Schüler; Schlussworte und Appell für mehr Aufklärung

Der 8. Mai 1945 in Deutschland

Jan-Christian Petersen: Frau Prof. Dr. von Treskow, beginnen wir vielleicht mit einem kurzen Blick auf unser eigenes Land, das ja auch in Ihrem Buch thematisiert wird. In Bezug auf den 8. Mai 1945 hat es hier einen langen Entwicklungsprozess gegeben, was die Deutung dieses Datums anbelangt. Wie hat sich das, was wir heute unter dem 8. Mai verstehen, geformt?

Prof. Dr. Isabella von Treskow: Im Grunde kann man vier Phasen unterscheiden. Nach 1945 haben wir in Deutschland zunächst das Gefühl der Niederlage und eine lange Phase, in der Schrecken und Gewalt verdrängt wurden. Als nächste Wegmarke ist der Gerichtsprozess gegen Adolf Eichmann 1961-62 zu nennen. Etwas später folgten die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, die viele Dinge ans Tageslicht gefördert haben. Auch dadurch wurde die Phase nach 1968 ausgelöst, als man anfing, sich aktiv mit dem NS-Regime auseinanderzusetzen. Das nächste Stichdatum ist die Rede von Bundespräsident von Weizsäcker zum 8. Mai 1985. Zum ersten Mal wird hier offiziell die Verantwortung der Deutschen und die begangene Schuld bekannt. Heute ist die Haltung von Deutschland dazu klar. Ich beobachte allerdings, dass der Blick kaum über das Mittelmeer hinaus bis in die Länder Nordafrikas geht. Dort haben ebenfalls viele Menschen gelitten.

Europa, Frankreich und der Maghreb am 8. Mai

Petersen: Blicken wir nun auf Frankreich und die Länder des Maghreb, wo ganz andere Narrative mit dem Kriegsende verbunden sind. Welchen Blick hat Frankreich auf den 8. Mai 1945 und wie steht diese Sichtweise in Kontrast zu den Ländern Nordafrikas?

Treskow: Ich denke, da stoßen wir auf einen sehr großen Kontrast. Frankreich zählt zu den Siegermächten. Der Widerstand gegen NS-Deutschland war und ist bewundernswert, ebenso die Niederschlagung des Regimes und seiner Kräfte. Das dürfen wir nie vergessen. Der 8. Mai steht daher zurecht symbolisch für das Selbstverständnis der französischen Nation, die deutsche Besatzung abgeschüttelt und Deutschland besiegt zu haben. In diesem Zusammenhang ist nun für uns wichtig, dass im Zweiten Weltkrieg Soldaten aus nordafrikanischen Ländern auf deutschem Boden für die Befreiung vom Nationalsozialismus gekämpft haben. Die Einen waren freiwillig Teil der französischen Armee, andere wurden nicht richtig informiert oder zwangsrekrutiert. Sie kamen über Frankreich an die Front nach Deutschland. Sofern sie nach 1945 nicht in Frankreich lebten, erhielten sie über längere Zeit auch nicht dieselbe Kriegsrente, die französische Soldaten bekamen.

Das Massaker von Sétif

Petersen: Frankreich hat sich nach dem 8. Mai 1945 als Siegermacht positioniert, auch als Teil der alliierten Streitkräfte. Doch dieser Sieg hat ja in Nordafrika noch ganz andere Dinge als Frieden und Zufriedenheit mit dem Kriegsende ausgelöst. Was hat sich dort entwickelt?

Treskow: Der 8. Mai ist in Algerien bis heute verbunden mit dem Massaker von Sétif. Damals fanden auch dort erste Feiern zum Kriegsende statt, zu denen das siegreiche Militär durch die großen Städte Algeriens zog. Vorne marschierten europäische Soldaten, die Franzosen, anschließend die algerischen. Diese Formation stand symbolisch für die in Algerien bestehende Zweiklassengesellschaft, auch wenn man natürlich die militärische Rangordnung dazu in Bezug setzen muss. In jedem Fall war es ein Zeichen der Zweideutigkeit, da nordalgerische Gebiete rechtlich Teile Frankreichs waren. Dazu muss man wissen: Schon seit Beginn der Kolonialisierung in den 1830er Jahren war der algerische Widerstand sehr stark. Stark war er auch in den 1930er Jahren. Es war unter anderem verboten, die algerische Flagge zu zeigen, die den Wunsch nach algerischer Souveränität ausdrückte. Algerien, aber auch Marokko und Tunesien argumentierten für ihre Souveränität mit der seit 1943 vereinbarten Charta der Nationen. Darin hieß es, dass jede Nation souverän und frei sein könne. Länder wie Frankreich hatten sich auf diese Charta berufen, als es darum ging, die deutschen Besatzer zu bekämpfen. Die Algerier sagten: Wenn jede Nation souverän sein darf, warum nicht auch wir?

Immer wieder hatte es nun Unruhen in algerischen Städten gegeben, zuletzt am 1. Mai 1945 in Algier. Aus diesem Grund war Algier am 8. Mai sehr gut bewacht. Anders war es in der großen Stadt Sétif. Ein junger Mann, der einer Gruppe von Pfadfindern angehörte, zeigte die algerische Fahne, was als Provokation verstanden wurde. Er wurde in der sehr aufgewühlten Situation erschossen.

Das war der Auslöser für die Steigerung der Feindseligkeiten in den Straßen von Sétif. Es kam zu einer Massengewalt von anwesendem Militär und Polizei gegen die Zivilbevölkerung, auch gegen Hirten, auch gegen Jugendliche. Innerhalb von 14 Tagen wurden 17.000 Menschen1 ermordet. Tunesien und Marokko haben sich das genau angesehen. Das hat den Widerstand dort noch einmal verstärkt, bis es dann in Algerien 1954 bis 1962 wirklich zum Krieg gegen die französische Herrschaft kam. Deswegen steht der 8. Mai 1945 dort gleichzeitig für das Ende des Krieges in Europa und den Beginn der Emanzipation. Es ist der Beginn des Werdens zum Nationalstaat in Algerien.

Damit hat das Datum natürlich eine völlig andere Bedeutung als heute bei uns. Bei uns wird meistens gesagt und vor allem gedacht, der 8. Mai sei das Ende von etwas. Man hat immer im Kopf: 1933 oder 1939 bis 1945. Natürlich ist das Datum auch ein Anfang, die Rückkehr zur Demokratie. Das kommt bei uns jedoch erst an zweiter Stelle. In den vormaligen Kolonialgebieten ist mit dem 8. Mai in anderer Weise als für uns die Wende hin zur Eigenständigkeit verbunden.

Petersen: Das ist ja auch das Interessante für Menschen, die in der Gedenk- und Erinnerungskultur tätig sind, dass man über den eigenen Tellerrand hinausschaut. Da finden sich Geschichten, die man auch bei uns nebeneinander in Ausstellungen und bei Veranstaltungen präsentieren könnte, und zwar beispielsweise zusammen mit Menschen, die aus den entsprechenden Ländern zu uns gekommen sind.

Die Judenverfolgung reichte bis nach Tunesien

Petersen: Lassen Sie uns noch einmal auf Deutschland schauen. Die Deutschen waren ja auch in Nordafrika aktiv und hatten dort Arbeitslager eingerichtet. Können Sie dazu etwas sagen?

Treskow: Tunesien war damals im Krieg Schauplatz von Kämpfen zwischen alliierten Streitkräften und deutschen sowie italienischen Truppen. Die Wehrmacht hat zwischen Ende 1942 und Mai 1943 Lager eingerichtet, in denen Teile der jüdischen Bevölkerung Zwangsarbeit leisten mussten. Die jüdischen Tunesier im Alter zwischen 17 und, ich glaube, 50 Jahren mussten sich melden und wurden dann in diese Arbeitslager verbracht. Zusätzlich wurden viele Menschen einfach verhaftet. Unter katastrophalen Bedingungen haben die Verschleppten in den Lagern sinnlose Tätigkeiten verrichtet. Die Repressionen betrafen darüber hinaus alle Angehörigen der jüdischen Gemeinschaft. Das Glück war eigentlich nur, dass der Krieg bald darauf in Tunesien endete und deshalb die meisten überlebten. Einige Menschen wurden jedoch nach Europa deportiert; andere aus Tunesien befanden sich in Frankreich, wurden in Vernichtungslager deportiert und dort ermordet; wieder dritte wurden direkt in Tunesien ermordet. Das ist irgendwie dem allgemeinen Blick entglitten, weil wir mit unseren Betrachtungen sehr oft in Europa steckenbleiben. Die Judenverfolgung reichte aber bis nach Tunesien.

Maghrebinische Literatur zum 8. Mai

Petersen: Sie haben in Ihrem Buch vor allem die Literatur in den Mittelpunkt gestellt, also Werke herausgehoben, die den 8. Mai und die Ereignisse literarisch zur Sprache bringen. Reicht es nicht, dass wir die geschichtlichen Fakten kennen. Warum die Literatur?

Treskow: Die Literatur kann die Vagheiten und das, was sich überlagert oder auch noch sehr lange mitschwingt, zeigen, ohne es denotativ benennen zu müssen. Es ist auch etwas völlig anderes, wenn man von Figuren in einer Erzählung liest, die etwas erleben, und man spürt, wie es den Menschen ergeht. Das passiert zum Beispiel in dem großen Roman Nedjma von Kateb Yacine. Das Buch erwähnt in einer Szene zum 8. Mai das Läuten von Kirchenglocken in Sétif. Ein junger Mann geht aus dem Haus, wird unwillkürlich in die Ereignisse hineingezogen und findet sich dann im Gefängnis wieder. Dabei fällt uns gar nicht auf: Glocken läuten eigentlich nicht in islamischen Ländern!

Wir haben außerdem die Novellensammlung „Frauen von Algier“ (Unionsverlag) der großartigen Schriftstellerin Assia Djebar. 1945 ist dort immer wieder als Datum präsent, aber ohne dass man sich an militärischen Fakten aufhält. Es wird erzählt – ähnlich wie bei uns am Essenstisch – und unmerklich der Wendepunkt eingeführt: Es geht darum, was Väter vor 1945 taten, was Frauen, was die Großmütter taten usw. Und da sieht man, der 8. Mai ist auch für die Menschen dort eine Zeitmarke. Die Literatur kann, um das noch einmal festzuhalten, viele Zwischentöne aufrufen und die emotionale Komponente einbringen. Das kann Sachliteratur nicht.

Es gibt auch ein sehr intelligentes Buch des algerischen Autors Saad Khiari. – Sie kennen „Der Fremde“ von Albert Camus. Es gibt das Gegenbuch von Kamel Daoud, „Der Fall Meursault“ (Kiepenheuer & Witsch), und es gibt ein drittes Buch, das eben von Saad Khiari stammt „Le soleil n’était pas obligé“ (Orients Éditions). Es ist geschrieben aus der Perspektive von Marie Cardona, der Freundin des Fremden, die nach Tunesien zurückkehrt. Hier wird verständlich gemacht, wie sich die kleinen „algerofranzösischen“ Siedler fühlten. Es wird Verständnis für diese Menschen erweckt, die seit zwei Generationen dort leben und die mit Schrecken feststellen, dass der Kolonialismus nicht in Ordnung ist. Allerdings können sie das auch nicht mal so eben ändern. – Es hat bei dem Massaker von Sétif vor allem die Jungen getroffen und es wird gezeigt, was das eigentlich ausmacht: körperlich, psychisch. – All das kann Literatur. Sie kann völlig anders die subjektive Perspektive darstellen.

Als Sachbuch würde ich „Reparationen im Dreieck Frankreich, Algerien, Deutschland“ (Verlag Donata Kinzelbach) von Claus Leggewie empfehlen. Es ist ein Buch zum Verhältnis dieser drei Länder.

Etwas komplexer ist „Topographie“ (Verlag Donata Kinzelbach) von Rachid Boudjedra. Es ist ein Roman zum postkolonialen Lebensgefühl eines Algeriers in Paris. Es ist ein sehr avantgardistisches Werk.

Biografisch ist „Die Salzsäule“ (nur noch antiquarisch) von Albert Memmi zu nennen. Da geht es um seine jüdische Kindheit in Tunis bis zur Jugend und zum Studium in Frankreich. Das Buch liest sich sehr gut und ist mit Witz verfasst. Darin kommt auch die Situation in den tunesischen Lagern vor.

Neue Materialien für Lehrkräfte und Schüler

Petersen: Es ist ja schon angeklungen, dass Sie auch an Schulmaterialien arbeiten. Dazu begrüßen wir jetzt Frau Carina Ehrnsperger, die sich im Team von Frau Prof. von Treskow mit der Erstellung dieser Schulmaterialien auf Basis des Buches „8. mai 1945“ befasst. – Frau Ehrnsperger, wie gehen Sie vor? Was können wir erwarten?

Carina Ehrnsperger: Geplant ist, dass wir die literarischen Werke, die im Buch detailliert behandelt werden, auch für die Schule aufarbeiten. Das ist größtenteils schon passiert. Wir haben ganz konkrete Vorschläge, Arbeitsblätter sowie Aufgabenformate entwickelt. Es wurden zum Beispiel Interviews zur Gedenkkultur in Algerien geführt, die zeigen, wie dort an den 8. Mai erinnert wird. Unser Material verbindet das Thema mit dem Erwerb von Fremdsprachenkompetenzen wie beispielsweise dem Hörverstehen oder der Textanalyse.

Allerdings können wir schon jetzt auf frei zugängliches Material verweisen. Es gibt eine Dissertation von Katharina Gröber, die Frau Prof. von Treskow betreut hat. Sie handelt von Djebars Novellensammlung „Frauen in Algier“ und bietet im letzten Kapitel schon viele Unterrichtsentwürfe an.

Petersen: An welche Klassenstufen wird sich das Unterrichtsmaterial richten?

Ehrnsperger: Primär ist das Material für Französischlernende ab der 10. Klasse gedacht. Es ist aber auch für den Geschichtsunterricht in AbiBac-Klassen (deutsch-französisches Abitur) geeignet, in denen Geschichte auf Französisch unterrichtet wird. Wir planen die Veröffentlichung für dieses Jahr und sind auch bereits mit der Verlegerin Donata Kinzelbach im Gespräch.

Schlussworte und Appell für mehr Aufklärung

Petersen: Ich bedanke mich bei Frau Ehrnsperger und bei Frau Prof. Dr. von Treskow und bei Ihnen, die Sie heute als Zuhörer mit dabei waren. – Frau von Treskow, haben Sie abschließend noch etwas, das Sie uns mitgeben möchten?

Treskow: Ich fände es wichtig, wenn Sie alle weiter darüber sprechen würden, weil es in gewisser Weise zu unserer Geschichte gehört. Selbst wenn man nur auf den 8. Mai 1945 in Algerien blickt, muss man sich vergegenwärtigen, dass es den nicht gegeben hätte ohne unsere Geschichte in Deutschland, ohne den Krieg, ohne die Shoah, ohne all die Repressionen und Verfolgungen. Deshalb haben wir eine Verbindung dazu.

— Jan-Christian Petersen (Mai 2026)